Neue Bellona
Gerald Hensels Geo- und Sicherheitspolitik-Leseliste
FEB. 28, 2026
Liebe Leserinnen und Leser,
vier Jahre russische Vollinvasion. Vier Jahre Krieg in der Ukraine. Ein bitterer Jahrestag – für die Ukraine, für Europa, für alle, die gehofft hatten, dass Putin irgendwann zu Sinnen kommt oder Russlands Imperialismus kollabiert. Danach sieht es nicht aus. Und deshalb bleibt eines zentral: hinschauen, einordnen, Ukraine unterstützen. Dieser Newsletter ist ein kleiner Beitrag dazu. Slawa Ukrajini.
Aber hier geht es ja nicht nur um die Ukraine. Sicherheitspolitik ist größer und viel dynamischer geworden. Sie umfasst Energie, Infrastruktur, Informationsräume – Technologie. Während in der Ukraine mit Artillerie gekämpft wird, verschiebt sich anderswo ein weiteres Kräfteverhältnis: im Bereich künstlicher Intelligenz.
Der jüngste Angriff der US-Regierung auf AI-Konzerne, Anthropics Weigerung und OpenAIs Kniefall wirken wie Etappen in einem neuen brandgefährlichen Wettlauf – diesmal kein Space Race mit Raketen, sondern ein Systemwettbewerb mit LLMs und Datencentern. Dieser Film hier lohnt sich zu dem Thema. Gute Laune wird er nicht machen. Und nein, das wird heute keine Gute-Laune-Ausgabe.
Bleibt bis zur nächsten Ausgabe trotzdem happy.
Gerald
Vier Jahre Invasion in der Ukraine
Wie richtig CIA und MI6 vor der Ukraine-Invasion lagen
The Guardian, Februar 2026
🕵️ Als Russland Ende 2021 seine baldigen Invasionspläne mit großen Truppenverlegungen ziemlich konkret machte, begann hinter westlichen Geheimdienst Türen ein Wettlauf zwischen Sorge und Verdrängung. Es ging um die Frage, ob Wladimir Putin bluffte (was gerade in Deutschland jeder glaubte) oder nicht. Während viele Regierungen im Westen zögerten, kamen die präzisesten Warnungen ausgerechnet von jenen Diensten, denen man seit dem Irakkrieg misstraute. Diesmal lagen CIA und der MI6 goldrichtig – und die Skeptiker irrten. Super investigatives Stück Zeitgeschichte.
Hostomel – warum dieser Flughafen die Ukraine rettete
YouTube, Februar 2026
⚔️ Nach nunmehr vier Jahren Krieg gibt es wahrscheinlich ein Ereignis, das den entscheidenden Unterschied gemacht hat zwischen drei Tagen Krieg (und einer besetzten Ukraine) und unserer Realität: die Schlacht um den Antonow-Flughafen, genauer gesagt der russische Versuch, nahe Kyjiw den Flughafen Hostomel zu besetzen. Zunächst gelang ihnen das auch. Doch durch eine Mischung aus Glück und strategisch richtigem Umdenken auf ukrainischer Seite wurde verhindert, dass sich Russland dort dauerhaft festsetzen konnte. Wäre Hostomel gefallen und gehalten worden, wäre die Ukraine heute vermutlich zu großen Teilen russisch besetzt. Dieses Video analysiert diesen Schlüsselmoment hervorragend.
Drohnenkrieg in der Ukraine
Wie Drohnen die Artillerie überflüssig machen
LinkedIn, Februar 2026
⚔️ Über 80 Prozent aller russischen Verluste gehen auf Drohnen zurück – eine Waffengattung, die es vor drei Jahren in dieser Form nur rudimentär gab. Der Gegenbatteriekampf funktioniert nicht mehr über Radar und Artillerie, sondern über permanente Aufklärung, dauerhaftes Tracking und Loitering Munition - also permanent in der Luft schwebender Munition, die oft selbständig arbeitet. Der Raum hinter der Front ist kein sicherer Raum mehr. Die Kill-Zones sind mittlerweile so groß, dass selbt Artillerie weit hinter der Front nun automatisiert zum Ziel in Sekunden wird.
80 Prozent Drohnenverluste – wie die Killzone wächst
LinkedIn / Financial Times, Februar 2026
🇺🇦 Und noch mehr Drohnen und Kill Zones. Die Financial Times zeigt in diesem LinkedIn Special, wie Drohnen vom taktischen Hilfsmittel zur prägenden Infrastruktur des Gefechts geworden sind. Inzwischen gehen über 80 Prozent aller Verluste auf ihren Einsatz zurück. Wer sich innerhalb von rund 20 Kilometern zur Front bewegt – auf beiden Seiten – lebt unter permanenter Bedrohung aus der Luft. Fahrzeuge, Nachschub, einzelne Soldaten: alles ist sichtbar, verfolgbar, angreifbar. Diese Zone der ständigen Verwundbarkeit wächst. Die „Killzone” dehnt sich aus. In manchen Regionen spricht man schon von 30km. Und selbst in Kharkiv kamen mittlerweile eine Kleindrohne mit unerhörter Reichweite an.
Russland produziert 2026 schon 10.815 Drohnen – Statistik
Instagram / United24, Februar 2026
📊 Und noch mehr Drohnen. In knapp zwei Monaten hat 2026 bereits 10.815 von Russland gestartete Drohnen absorbieren müssen – fast so viele wie im gesamten Jahr 2024 (11.644 Drohnen) zusammen. 2025 wurde zum Drohnen-Rekordjahr: 61.723 Starts. Russland hat die Zahl der Einsätze damit um mehr als das Fünffache erhöht. Der Trend ist eindeutig: Drohnen sind deutlich günstiger in der Herstellung und im Einsatz. Während Raketenangriffen abnehmen, ermöglichen Drohnen es, Angriffe in hoher Frequenz fortzusetzen, ohne die gleichen Kosten wie bei Marschflugkörpern oder ballistischen Raketen zu verursachen.
Bedrohungen
Wer folgt auf Putin – und wird es besser?
t-online, Februar 2026
⚠️ Was kommt nach Wladimir Putin? Die russische Politologin Irina Busygina spricht in der Hintergrundlehrung über das, was hinter Putin steht und was kommen könnte – die sogenannten „Jungen Wilden”, die das Potenzial haben, Thronfolger zu werden. Spoiler Alert: Es wird nicht unbedingt besser.
Schweden stört russische Drohne neben französischem Flugzeugträger
Substack, Februar 2026
🕵️ Faktisch nicht mehr ganz weit weg von kinetischen Konfrontationen mit Russland. Russland startete eine Militärdrohne von einem Aufklärungsschiff innerhalb schwedischer Hoheitsgewässer – während der französische Flugzeugträger Charles de Gaulle im Rahmen eines NATO-Manövers in Malmö lag. Die schwedische Marine erkannte die Drohne kurz nach dem Start, störte sie elektronisch und eskortierte das Schiff anschließend aus den Gewässern. Das eingesetzte Schiff ist auf elektronische Aufklärung spezialisiert. Die Drohne war gezielt positioniert: nah genug, um Radar- und Reaktionsmuster des NATO-Trägers zu erfassen, aber mit Abstand zur direkten Eskalation.
Rüstung & Strategie
Deutsch-französischer Kampfpanzer MGCS vor dem Ende
Hartpunkt, Februar 2026
💰 Und bei allen guten Vorhaben sind sich die Europäer trotzdem komplett uneinig. was die Zukunft ihrer dringend notwendigen Rüstungsvorhaben betrifft. Neben der deutsch-französischen Flugzeug-Industriekatastrophe FCAS trifft die Uneinigkeit nun auch Panzer. Sollte der Flugzeugteil des FCAS scheitern, könnte auch MGCS – die deutsch-französische Initiative für einen neuen europäischen Kampfpanzer – eingestellt werden. Anders als im Flugzeugbau droht Deutschland im Panzerbau jedoch kein Verlust wichtiger Technologien oder industriellen Know-hows, da die deutsche Industrie hier deutlich besser aufgestellt ist als die Flugzeugindustrie.
USA drohen Europa mit Sanktionen, wenn es europäische Rüstung kauft
Militär Aktuell, Februar 2026
💰 Es ist schon fast absurd: Jahrzehntelang fordert Amerika, Europa solle endlich mehr für seine Verteidigung tun – und kaum beginnt Europa ernsthaft aufzurüsten und dabei europäische Rüstung zu kaufen, folgt die Empörung aus Washington. Offen wird damit gedroht, Ausnahmen im „Buy American”-Gesetz zurückzunehmen und Embargo-Gegenmaßnahmen zu prüfen, falls Europa es wagt, eigene Hersteller zu bevorzugen. Europa soll also bitte weiter amerikanische Konzerne bedienen – selbst wenn es um den Aufbau der eigenen sicherheitspolitischen Handlungsfähigkeit geht. Mehr Verantwortung übernehmen? Ja. Eigene industrielle Basis stärken? Bitte nicht. Wahnsinn.
Szenarien
Die USA haben jetzt die größte Armee seit 2003 im Nahen Osten zusammengezogen
The Associated Press, 26. Februar 2026
⚠️ Das Pentagon baut die größte Streitmacht aus Kriegsschiffen und Flugzeugen seit der Invasion im Irak 2003 auf: zwei Flugzeugträger-Kampfgruppen, über 100 Kampfflugzeuge (F-35, F-22, F-15, F-16), 12 F-22 in Israel, sechs E-3-Früwarnflugzeuge in Saudi-Arabien, mehr als 100 Tankflugzeuge und über 200 Transportmaschinen. Trump droht Iran mit militärischen Schlägen, sollten Atomgespräche scheitern. Vielleicht ist die Entscheidung aber schon längst getroffen. Diesmal könnte die Antwort verheerend ausfallen – regional und für US-Basen.
Was passiert, wenn die USA und Israel Iran angreifen?
LinkedIn / Fabian Hoffmann, Februar 2026
🗺️ Der Raketen-Experte Fabian Hoffmann glaubt, dass die möglicherweise anstehenden Militäroperationen gegen den Iran einen klaren Ausgang haben: Die USA und Israel werden in kürzester Zeit die Lufthoheit über Iran erlangen und ihre militärische Überlegenheit demonstrieren. Gemeinsame Luftoperationen rund um die Uhr sollen insbesondere mobile Raketenabschussrampen ausschalten. Irans Fähigkeit zu großangelegten Raketenangriffen wird rasch durch Verluste begrenzt. Für die USA ist der Einsatz zugleich ein strategischer Testlauf mit Blick auf mögliche künftige Konflikte, etwa mit China.
Die Sache mit der AI
OpenAI macht Deal mit Pentagon – Anthropic fliegt raus
CNN, 27. Februar 2026 (heute Morgen)
⚠️ Das Pentagon will KI-Systeme für Militäroperationen einsetzen. Anthropic besteht auf unwesentlichen Einschränkungen (keine autonomen Waffen ohne menschliche Kontrolle, keine Massenüberwachung von US-Bürgern) und sein wirklich standfester CEO Dario Amodei weigerte sich deshalb einen Deal zu unterschreiben. Diese Woche wurde das Unternehmen deshalb nun als „Supply Chain Risk” eingestuft – eine Kategorie für Firmen mit Verbindungen zu ausländischen Gegnern. Ein echtes Problem. Sam Altman ist da anscheinand pragmatischer. Altman verkündete gerade letzte Nacht, dass er Trumps Ring küsst und nun mit der Trump Regierung zusammenarbeitet. Und das, obwohl er noch vor wenigen Tagen meldete, dass er Anthropics “Rote Linien” teile.
KI wählt in 95% Atomwaffe, wenn sie gefragt wird
Common Dreams, Februar 2026
⚠️ Und wo wir gerade beim Thema sind: In den letzten Tagen kursiert eine Studie zu Entscheidungen von KI in militärischen Kriegssimulationen. Dabei geht es vor allem um Eskalationsszenarien und die Frage, ob KIs den Einsatz von Atomwaffen in bestimmten militärischen Szenarien empfehlen würde. Laut den Forschern entschied sich die KI in rund 95 Prozent der Fälle für nukleare Eskalation. Die zentrale These: KI-Systeme tendieren in solchen Modellen zur Eskalation.
Gerade in einer Woche, in der das Pentagon KI Unternehmen zum Kniefall zwingen will und das bei OpenAI gelungen ist, ist diese Sorge berechtigt: Die ohnehin sprichwörtlich wahnsinnige Logik der MAD (“Mututal Assured Destruction”) basierte immer schon auf einem sehr feinen Grad an Verständnis für Selbsterhaltung. KI fehlt dieser Selbsterhaltungstrieb. Wenn wir den Einsatz taktischer Atomwaffen rational betrachten, kann dieser in einem kleinen Rahmen für eine KI rational sinnvoll erscheinen - bis er dann ausser Kontrolle gerät.
Als kulturelle Referenz kann ich den Film WarGames (1982) empfehlen. Dort geht es schon um genau das Thema. Ich will nicht spoilern. Aber es gibt eine leicht verwunderte Empfehlung der AI Joshua, nachdem diese fast die Welt in die Luft gejagt hat:
Zum Abschluss
Wer diesen Newsletter lesenswert fand und ihn gerne Freunden zukommen lassen will: Ich freue mich über neue Leser:innen.
Gute Woche.
Gerald
Neue Bellona ist Gerald Hensels wöchentliche Leseliste für Geo- und Sicherheitspolitik. Fokus: genaue Analyse statt laute Meinungen. Fakten statt Hype.
Zu guter Letzt: Wer Neue Bellona lesenswert fand und ihn gerne Freunden zukommen lassen will: Ich freue mich über neue Leser:innen.


